Angela Merkel spricht vor der Knesset, als erster Regierungschef überhaupt. Zugegeben, das ist bemerkenswert. Es ist ein großer Erfolg für das Verhältnis zwischen beiden Nationen, die in der Vergangenheit soviel Leid und Gräuel verbunden hat. Es ist auch ein Zeichen für eine neue Offenheit und einen entspannteren Umgang miteinander. Es ist nicht zuletzt ein Ergebnis jahrelanger, bedingungsloser Unterstützung des Staates Israel, und damit eine folgerichtige Konsequenz.
Dass einige der Parlamentarier sich der Rede entzogen und aufgrund meist familiärer Erfahrungen mit den NS-Verbrechen protestierten, ist ihnen in persönlicher Sicht nicht zu verübeln, wenn auch politisch weitaus fragwürdiger, zumal eine Interpretation als möglicher Populismus nicht so fern liegt, wie man zunächst vermuten könnte.
Doch das ist hier nicht das Thema. Viel mehr muss die Frage gestellt werden, ob eine bedingungslose Unterstützung Israels der richtige Weg sei. Zweifellos stimmt es, dass der Staat sich noch immer dem Raketenterror ausgesetzt sieht, dass Despoten der Region ihn von der Landkarte tilgen wollen. Vergessen werden darf über dies aber nicht, dass auch Israel und sein Militär die Region nicht gerade befrieden. Die Konferenz von Annapolis hat auf dem Papier Fortschritte gebraucht, auch wenn sie landläufig eher als Prestige-Projekt des scheidenden US-Präsidenten gesehen wird. Dies darf Deutschland nicht verspielen, darf nicht den Fehler begehen, berechtigte Kritik gänzlich außen vor zu lassen; solche z.B. wie am jüdischen Siedlungsbau – ohne Frage ist sie vorhanden, aber zu leise. Es hat den Anschein, als wolle man hier so vorsichtig wie möglich vorgehen, um das in der Verständigung erreichte nicht zu verschenken. Allzu viel Vorsicht jedoch könnte sich schnell als der falsche Weg herausstellen, kann eine Duldung von zweifellos problematischem Vorgehen am Ende wohl wieder als Schuld interpretiert werden.
Der liebevolle Umgang mit Israel bleibt eine Gratwanderung, die nur allzu schnell zum Absturz führen könnte. Die USA tuen gut daran, distanzierter zu aggieren und Kritik zu verschärfen, die Deutschen sollten den richtigen Moment dafür nicht verpassen, um nicht irgendwann Gefahr zu laufen, vereinnahmt zu werden und ins Abseits zu geraten.
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Wer will denn da gleich wieder ein Schuld-Diskussion vom Zaun brechen? Wäre es nicht langsam an der Zeit, die Beziehungen zu Israel nicht mehr aus der Perspektive der Vergangenheit,sondern aus derjenigen der Gegenwart zu betrachten?…
Man muss keine Schulddiskussion vom Zaun brechen, sie ist weiterhin gegenwärtig; das merkt man nicht zuletzt an der Wortwahl der Kanzlerin. Genau darin liegt ja auch die Tücke: solange Politik vor eben diesem Hintergrund stattfindet, wird Kritik immer schwierig bleiben. Deshalb geht es gerade darum, den richtigen Zeitpunkt für einen Schritt der Emanzipation genau jetzt zu finden, um die Frage der Schuld auf der politischen Ebene endlich aus dem Weg zu räumen.